
Wenn die alte Weisheit gilt, dass Gegensätze sich anziehen, dann würde die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Kanada für deutsche Anleger wie ein Magnet wirken müssen: „Oh Kanada, du hast es besser“, so die Süddeutsche Zeitung (SZ) heute in ihrem Wirtschaftsteil, und „Wo bleibt das globale Wachstum ohne die USA, Europa und Japan?“ (Where is Globe Growth Without the U.S., Europe and Japan?) in der kanadischen Presse. „Es gibt ein Land, in dem die Bürger den Banken so sehr vertrauen, als hätte es keine Finanzkrise gegeben.” Und weiter schreibt die SZ über die Situation der Banken in Kanada, die ganz klar unterstreicht, wie gut es der kanadischen Wirtschaft trotz weltweiter Krisen geht: „Das Vertrauen der Kanadier in ihre Banken ist riesig. In Kanada war die Rezession relativ kurz, und sie hat nicht so tiefe Spuren hinterlassen wie in anderen Ländern.
Die Arbeitsstellen, die während der Finanzkrise von 2008 verloren gingen, sind bereits wieder gutgemacht: Im Juli lagen die Beschäftigungszahlen um ein Prozent höher als der Stand vor der Rezession. Deshalb borgen sich die Bürger weiter viel Geld, und die Banken halten sich mit Krediten nicht zurück.“ Auf der anderen Seite die besorgte Berichterstattung in Kanada, die täglich die Frage aufwirft, wohin die Welt driftet, wenn weder die USA, Europa noch Japan, die traditionellen Lokomotiven der Weltwirtschaft, Wachstum generieren können. Stattdessen: Neuverschuldung, Mehrverschuldung, Gelddrucken – wenngleich es in der neuen Terminologie ja nicht mehr so heißt, sondern vornehm: QE, Quantitativ Easing (kaum zu übersetzen und noch schwerer zu verstehen): mengenmäßige Lockerung, so die wörtliche Übersetzung, trifft es kaum.
Die US-Regierung steht vor ihrer vierten Runde dessen, was man früher das Anwerfen der Notenpressen genannt hätte. Das ist aber natürlich um Gottes willen nicht dasselbe wie QE, denn hier werden keine Notenpressen angeworfen, sondern Staatspapiere von der Zentralbank durch elektronisches Geld aufgekauft. Auf diese Weise wird die Geldmenge vergrößert, ohne dass physisch Notenpressen rotieren müssen. Unterm Strich hat das natürlich denselben Effekt. Jeff Rubin, ehemaliger Chefökonom der CIBC und kritischer Kommentator der Entwicklung, schreibt in einem Artikel: „Die europäische Währungsunion, zumindest die 17-Mitgliederversion, die wir kennen, wird bald der Vergangenheit angehören als ein falscher Weg in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Die Toleranz der deutschen Steuerzahler ist dieser Tage so niedrig wie die Liquidität der griechischen Staatsanleihen.
Die Deutschen rufen sogar die Gerichte zu Hilfe, um das verfassungsmäßige Recht ihrer Regierung, ein anderes Land aufzufangen, in Frage zu stellen. Die meisten Deutschen sind davon überzeugt, dass es genug für ein ganzes Leben war, Ost-Deutschland aufgefangen zu haben!“ Und weiter schreibt Jeff Rubin: „Zwischenzeitlich wird Griechenland, der Serienpleitier, das tun, was er am besten kann, nämlich: pleite gehen. Aber anders als Griechenlands Pleiten der Vergangenheit wird diese Pleite die 17 Mitgliedsstaaten der Geldunion erschüttern, und mehr als nur einige schlechte Äpfel vom Baum schütteln. Und miteinander verwobene Finanzmärkte werden dies schnell bewirken.“
Größer könnten die Gegensätze tatsächlich nicht sein – in Europa Probleme über Probleme, Deutschland eng verwoben durch die Einbindung in den europäischen Traum, 250 Milliarden EUR möglicher neuer Verpflichtungen und die Frage, wer das im Zweifelsfalle bezahlen soll? Und auf der anderen Seite ein Land, in dem sich einfach nur alles nach vorn entwickelt. Man fragt sich, wie das möglich ist. Der kluge Artikel der SZ gibt zumindest Aufschluss darüber, warum es in der kanadischen Bankenwelt so gut geht. Und wenn Sie sich vorstellen, dass Sie deutschen und europäischen Banken noch vertrauen könnten, weil diese sich vernünftig und verantwortungsvoll verhalten hätten – statt in allen möglichen undurchschaubaren Geschäfte verstrickt zu sein, was sie aber nicht selbst bezahlen, sondern der Steuerzahler – würden Sie sich schon fast fühlen wie ein Kanadier.
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